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Polis
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Als Polis (die; von altgriechisch πόλÎčς pĂłlis, deutsch ‚Stadt, Staat‘, ursprĂŒnglich auch: ‚Burg‘; Plural Poleis, zu πόλΔÎčς pĂłleis) wird fĂŒr gewöhnlich der typische Staatsverband im antiken Griechenland bezeichnet, der in der Regel als ein stĂ€dtischer Siedlungskern (→ (Kern-)Stadt; griechisch ጄστυ ĂĄsty) mit dem dazugehörigen Umland (χώρα cháč“ra, [die] ‚Chora‘) greifbar ist. Dessen Bewohner wurden von den Einwohnern des urbanen Zentrums rechtlich nicht unterschieden. Die typische Polis war eine BĂŒrgergemeinde bzw. ein Personenverband und definierte sich nicht primĂ€r ĂŒber ihr Territorium, sondern ĂŒber ihre Mitglieder (→ BĂŒrger#Griechenland). Sie wurde zum klassischen Begriff fĂŒr den Stadtstaat in der Antike; ob sie jedoch tatsĂ€chlich als solcher gelten kann, ist in der Forschung seit langem umstritten.cite-ref-1[1]

Seit der Entstehung der Polis in archaischer Zeit (ca. 700–500 v. Chr.) und wegen der großen Zahl an NeugrĂŒndungen im Hellenismus (323–30 v. Chr.) blieb die Mittelmeerwelt ĂŒber Jahrhunderte hinweg stĂ€dtisch geprĂ€gt, obwohl die Mehrheit der Menschen auf dem Land lebte; denn in der Regel waren in den griechisch geprĂ€gten Gebieten auch die meisten Landbewohner entweder VollbĂŒrger, AbhĂ€ngige (z. B. Frauen und Metöken) oder Sklaven einer Polis. Vor diesem Hintergrund ist auch das berĂŒhmte Diktum des Aristoteles zu verstehen, der Mensch sei ein zoon politikon, also ein in der Polis lebendes Wesen; denn wer freiwillig nicht in einer Polis lebe, sei entweder weniger als ein Mensch oder mehr.cite-ref-2[2]

Das Römische Reich stĂŒtzte sich im Osten spĂ€ter in starkem Maße auf die nun nur noch halbautonomen Poleis, die in der SpĂ€tantike (284–641 n. Chr.) vielerorts einen langsamen Niedergang erlebten. Im 6. Jahrhundert dann scheiterten unter Kaiser Justinian letzte Versuche, die Position der StĂ€dte zu stĂ€rken und die Polis zu revitalisieren. Die islamische Expansion im 7. Jahrhundert fĂŒhrte schließlich endgĂŒltig zum Untergang der meisten Poleis. In dieser Zeit des (fließenden) Übergangs vom Oströmischen zum Byzantinischen Reich wandelten sich die meisten StĂ€dte zu guter Letzt von der Polis in ein befestigtes, vergleichsweise oft sehr kleines Kastron, eine typische byzantinische Art Festungs­stadt.

Contents

‱ Frauen
‱ Sklaven
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Entstehung und Charakter der Polis

In der Forschung ist umstritten, ob die Wurzeln der Polis in der mykenischen Kultur der spĂ€ten Bronzezeit liegen, ob sie wĂ€hrend des „Dunklen Zeitalters“ um 900 v. Chr. entstand oder erst zu Beginn der Archaik.cite-ref-3[3] Wie diese Frage beantwortet wird, hĂ€ngt nicht zuletzt davon ab, welche Definition von Polis man verwendet. Dementsprechend herrscht auch keine Einigkeit darĂŒber, wann die Poliskultur unterging. Die große Mehrheit der heutigen Forscher geht aber davon aus, dass die Polis im 8. Jahrhundert v. Chr. in ihrer „klassischen“ Form entstand und dass Poleis bis in die ausgehende SpĂ€tantike existierten.cite-ref-4[4] Immer wieder wird auch ein möglicher Einfluss des orientalischen, insbesondere phönizischen, Stadtstaates auf die Genese der Polis diskutiert.cite-ref-5[5]

Polis (mit den Worten Politik, Metropole bzw. Metropolis und Kosmopolis, Kosmopolit verwandt) bezeichnete ursprĂŒnglich eine befestigte Höhensiedlung (auch: Akropolis: „Oberstadt“, Stadtfestung), unter deren Schutz sich spĂ€testens im 8. Jhd. v. Chr. Siedlungen stĂ€dtischen, aber auch prĂ€urbanen Charakters entwickelten.cite-ref-6[6] In Athen wurde Polis noch bis ins 5. Jhd. v. Chr. synonym mit Akropolis verwendet.cite-ref-7[7] (Auch in Athen war die Akropolis ursprĂŒnglich eine Zitadelle.) Hintergrund stellte wohl das im griechischen Raum seit dem frĂŒhen 8. Jhd. v. Chr. einsetzende Bevölkerungswachstum dar; auch dĂŒrfte orientalischer Einfluss eine gewisse, aber schwer zu bestimmende Rolle gespielt haben. Mit den Stadtstaaten der Phönizier pflegten die Griechen damals enge Kontakte. Die uns gelĂ€ufige Bedeutung als „Gemeinwesen eines BĂŒrgerverbandes“ erhielt der Begriff erst im weiteren Verlauf der archaischen Epoche, als sich die Polis zu jener Form der politischen Organisation entwickelte, die so charakteristisch fĂŒr Griechenland und von Griechen besiedelte Regionen in der 2. HĂ€lfte des 1. Jahrtausends v. Chr. werden sollte.

Mit der Großen Griechischen Kolonisation (um 750 bis 550 v. Chr.) verbreitete sich der Typus der Polis vom griechischen Mutterland (das Festland und der ÄgĂ€israum) ĂŒber die KĂŒsten fast des gesamten Mittelmeers und des Schwarzen Meeres. Das fĂŒhrte dazu, dass sich der Kommunikationsraum, in dem Griechen ihre Erfahrungen austauschten und in ihren lokalen Gemeinschaften spezifische IdentitĂ€ten entwickelten, erheblich erweiterte. Zugleich ging von der griechischen Kolonisation vermutlich ein starker Impuls aus, sich in der Polis Institutionen zur Entscheidungsfindung, Rechtspflege und stĂ€ndigen Wehrbereitschaft zu geben; möglicherweise beeinflusste die Entwicklung in den griechischen Kolonien (richtiger: Apoikien) auch die Verfassung der StĂ€dte im Mutterland. SpĂ€ter, im hellenistischen Zeitalter, waren die StĂ€dtegrĂŒndungen Alexanders des Großen und seiner Nachfolger, der Diadochen, ein wichtiges Mittel der „Hellenisierung“ des Alten Orients. In hellenistischer, römischer und spĂ€tantiker Zeit verloren die meisten Poleis dabei zwar ihre politische UnabhĂ€ngigkeit, blieben aber noch sehr lange halbautonome Gemeinwesen und bildeten das ökonomische wie administrative RĂŒckgrat der Diadochenreiche wie des Römischen Reiches.

„Insgesamt existierten im griech. Mutterland sowie in den ‚kolonialen‘ Gebieten der Hellenen an den KĂŒsten des Mittelmeers und des Schwarzen Meers und spĂ€ter in den hellenistischen Reichen mindestens 1500 Siedlungen vom Typ der Polis.“cite-ref-8[8]

In der aktuellen Forschung ist vor allem der Charakter der Polis im Hellenismus sehr umstritten, wobei die Diskussion um die Frage kreist, ab wann die prinzipiell „demokratische“ Ordnung der meisten Gemeinwesen von einer Oligarchie abgelöst wurde.cite-ref-9[9] WĂ€hrend man frĂŒher gemeinhin der Ansicht war, dass dieser Prozess bereits unter den ersten Diadochen einsetzte, mehren sich heute die Stimmen, die annehmen, dass dies erst im Verlauf des 2. und 1. vorchristlichen Jahrhunderts unter der zunehmenden römischen Dominanz erfolgt sei. Unbestritten ist, dass spĂ€testens im Prinzipat die StadtrĂ€te, deren Mitglieder nun anders als frĂŒher einen eigenen Stand bildeten, die Poleis dominierten.

Die Griechen beschrĂ€nkten den Begriff Polis nicht auf jene Gebiete, in denen sie selbst siedelten, sondern bezeichneten auch Gemeinden wie Karthago in Nordafrika und Rom in Italien als Poleis. Die geographischen Besonderheiten Griechenlands – kleinrĂ€umige fruchtbare Ebenen, die von Gebirgen umschlossen und von FlĂŒssen durchflossen werden – förderten das Entstehen kleinrĂ€umiger politischer Einheiten, die sich bald als eigenstĂ€ndig und unabhĂ€ngig verstanden. Dabei wird die Polis in erster Linie als „Gemeinschaft von BĂŒrgern“ (koinĂŽnĂ­a tĂŽn politĂŽn) definiert. Der Charakter als Personenverband zeigt sich sehr deutlich in der ĂŒblichen Bezeichnung eines Staates nach seinen BĂŒrgern (hoi AthĂȘnaĂ­oi, hoi KorĂ­nthioi, hoi LakedaimĂłnioi usw.), nicht nach seinem Staatsgebiet (etwa AthĂ©nai, ThĂ©bai). Gemeinsam war fast allen Poleis die Existenz von Magistraturen (wie etwa dem Archontat), einer Volksversammlung und mindestens einer Ratsversammlung (boulĂ©); die konkrete Ausgestaltung der jeweiligen Verfassung konnte sich aber sehr unterscheiden.

Die meisten Poleis nĂ€herten sich dem Ideal der kleinen, ĂŒberschaubaren Gemeinde an, in der man einander kannte und sich leicht zu Versammlungen einfinden konnte.cite-ref-10[10] Platoncite-ref-11[11] geht von einer Idealzahl von 5040 BĂŒrgern als Grundbesitzer und Verteidiger ihres Landes aus. Insgesamt ist fĂŒr die klassische Zeit von schĂ€tzungsweise 700 Poleis mit einer DurchschnittsgrĂ¶ĂŸe von 50 bis 100 kmÂČ auszugehen. Bewohnt wurden sie von meist 2000 bis 4000 Menschen. Argos verfĂŒgte im Vergleich dazu ĂŒber etwa 1.400 kmÂČ. 626 Stadtstaaten sind aus klassischer Zeit durch MĂŒnzen, literarische Quellen und Tributlisten bekannt. Unser heutiges Bild von einer Polis wird im Gegensatz zur damals herrschenden Wirklichkeit von einer kleinen Anzahl politisch besonders bedeutsamer Stadtstaaten bestimmt, die – wie Athen und Sparta – allerdings selbst Ă€ußerst gegensĂ€tzlich in Charakter und politischer Organisationsform sein konnten. Im Hellenismus stieg die Zahl der Poleis dann, wie gesagt, noch einmal stark an. In spĂ€terer Zeit konnten einzelne StĂ€dte wie etwa Antiochia oder Alexandria auch mehrere hunderttausend Einwohner haben, doch blieben dies Ausnahmen.

Vergleichbare Stadtgemeinden grĂŒndeten im Mittelmeerraum sowohl Phönizier (z. B. Karthago), Etrusker (z. B. Veii, aber auch Rom). Die keltischen oppida bildeten offenbar eine primitivere Siedlungsform, die die Römer dann aber in civitates umwandeln konnten.

Die Alternative zur PĂłlis bildete das „Éthnos“, der antike griechische „Stammesstaat“. Er war in Regionen mit wenigen Siedlungskernen wie im westlichen und nordwestlichen Griechenland die Hauptorganisationsform, in der die einzelnen dörflichen Siedlungen nur untergeordnete Kompetenzen und Funktionen ausĂŒben konnten und die elaborierte staatliche Organisation der Polis nicht erreicht wurde. Zu weltgeschichtlicher Bedeutung gelangte ein Stammesstaat erst in der 2. HĂ€lfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. mit dem Stammeskönigtum Makedoniens, als Philipp II. daraus die stĂ€rkste MilitĂ€rmacht Europas formte und sein Sohn und Nachfolger Alexander der Große das Stammeskönigtum ĂŒber Asien und Nordafrika (Ägypten) zu einem griechisch geprĂ€gten Weltreich erweiterte – das aber rasch zerfiel. Allerdings galt Makedonien in der Antike in der Regel nicht als regulĂ€rer Teil von Hellas (nur die Mitglieder der Herrscherfamilie wurden als Griechen betrachtet), so dass man es nur unter Vorbehalt als griechisches Ethnos bezeichnen kann.

Die Ă€ltere Forschung nahm lange Zeit an, spĂ€testens mit Alexander und dem Beginn der Epoche des Hellenismus sei die große Zeit der Poleis, die nun bald sĂ€mtlich unter direkter oder indirekter Herrschaft zunĂ€chst der Diadochenreiche, spĂ€ter dann der Römer standen, vorbei gewesen. Seit einigen Jahren wird hingegen betont, dass das Gegenteil der Fall gewesen sei.cite-ref-12[12] An Zahl, GrĂ¶ĂŸe, geographischer Verbreitung und ökonomischer Bedeutung ĂŒbertrafen die griechischen StĂ€dte der Zeit nach Alexander die der klassischen Epoche bei weitem, und auch die Demokratie ging keineswegs unter. Von wachsender Bedeutung war nun der Euergetismus, also die Übernahme öffentlicher Aufgaben und Bauten durch reiche WohltĂ€ter („Euergeten“). Freilich war der außenpolitische Handlungsspielraum der Poleis nun eingeschrĂ€nkt, auch wenn ein geschicktes Lavieren zwischen den unterschiedlichen Machtblöcken mitunter durchaus erhebliche FreirĂ€ume schaffen konnte.

Dies Ă€nderte sich im Grunde erst, als Rom seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. zur dominierenden und schließlich einzigen Macht im östlichen Mittelmeerraum wurde. Doch da sich auch die Römer, wie erwĂ€hnt, auf die Poleis stĂŒtzen mussten, um ihr Imperium in der FlĂ€che beherrschen zu können, bestanden die Poleis, deren StadtrĂ€ten wĂ€hrend der Kaiserzeit meist die Steuererhebung oblag, noch lange fort. Dabei war die Mitgliedschaft im Stadtrat nun anders als frĂŒher erblich geworden, vermutlich unter römischem Einfluss. Erst mit dem Ausbau der kaiserlichen Administration und der Christianisierung seit dem 4. Jahrhundert wurden die StĂ€dte in eine Krise gestĂŒrzt, da sich nun gerade die reichsten Mitglieder der StadtrĂ€te ihren Pflichten entzogen, indem sie dem Klerus oder der Reichsverwaltung beitraten. Zudem entzog man den StĂ€dten in der SpĂ€tantike wesentliche Kompetenzen und die Finanzautonomie. Trotz dieser strukturellen VerĂ€nderungen lĂ€sst sich aber fĂŒr viele oströmische bzw. griechische Poleis im 5. und 6. Jahrhundert (als die römischen StĂ€dte im Westen bereits einen offenkundigen Niedergang erlebten) noch immer ein erheblicher Wohlstand konstatieren. Allerdings setzten sich informelle Herrschaftsformen der lokalen „MĂ€chtigen“ in den spĂ€tantiken StĂ€dten nun immer mehr gegenĂŒber den althergebrachten Organisationsformen der Polis durch.cite-ref-13[13] Das faktische Ende der griechischen Poleis kam aber erst im 7. Jahrhundert im Zuge der Islamischen Expansion.

Politische und gesellschaftliche Entwicklung der Stadtstaaten

GrundsĂ€tzlich wird die Diskussion ĂŒber den Charakter der Polis dadurch erschwert, dass gerade jene Stadt, ĂŒber die wir in Hinblick auf das Klassische Zeitalter (ca. 500 bis 330 v. Chr.) mit Abstand am meisten wissen, Athen, in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme dargestellt zu haben scheint. Erst in den letzten Jahren wĂ€chst, vor allem dank der Epigraphik, unser Wissen auch ĂŒber andere Poleis, also das „dritte Griechenland“ jenseits von Athen und Sparta.cite-ref-14[14] Die politische Entwicklung ist dabei aufgrund der Quellenlage nicht mit Sicherheit zu rekonstruieren, scheint aber in vielen Poleis oft nach einem gemeinsamen Muster verlaufen zu sein: Seit der Aufzeichnung der homerischen Epen und dem Beginn der archaischen Epoche Griechenlands wurden viele Poleis von einer Großgrundbesitzeraristokratie regiert. Dies stieß anscheinend auf den Widerstand nichtadliger Schichten des Demos, zumal die Kluft zwischen Arm und Reich nach Aufkommen der Geldwirtschaft und der dadurch möglichen Thesaurierung des Gewinns offenbar immer breiter wurde. Einen stabilen Erbadel gab es anscheinend nicht, was ĂŒberdies zu Konflikten innerhalb der Oberschichten fĂŒhrte.cite-ref-15[15] Diese akute Krise der frĂŒhen Polis, die sich vielfach in BĂŒrgerkriegen (Staseis) entlud, nutzten offenbar einzelne Aristokraten aus, um sich seit der Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. als Tyrannen an die Spitze verschiedener Poleis zu setzen. Anfangs war „Tyrannis“ dabei noch eine weitgehend neutrale Bezeichnung fĂŒr eine Einzelherrschaft; doch bekam sie, wie die Kritik Solons in Athen um 570 v. Chr. zeigt, bald die gleiche negative Bedeutung, die wir noch heute in dem modernen Begriff der Tyrannei fassen können und die sich ab dem frĂŒhen 5. Jahrhundert allgemein durchsetzte.

Ungeachtet des Auftretens von Tyrannen war die Institutionalisierung der Polis spĂ€testens um 600 v. Chr. zumindest in Athen bereits so weit fortgeschritten, dass sie als politisch handelndes Subjektcite-ref-16[16] bzw. die BĂŒrgerschaft als Einheitcite-ref-17[17] gedacht wurden. Es entwickelten sich die drei Staatsorgane, die letztlich fĂŒr alle Poleis typisch waren, wenngleich in teils sehr unterschiedlicher AusprĂ€gung: Volksversammlung, Rat und Magistraturen.

Am Ende dieses Prozesses stand meist eine Verfassung, in der alle zum Dienst als Schwerbewaffnete (Hopliten) fĂ€higen begĂŒterten BĂŒrger als politisch berechtigte BĂŒrger mit gleichem aktiven und passiven Wahlrecht (letzteres abgestuft nach der Höhe des agrarischen Einkommens, aber nicht mehr an adlige Geburt gebunden) anerkannt waren und politische Aufgaben in Ratsgremien (bulĂ©) vorberaten, in einer Volksversammlung (ekklesĂ­a) mit der Mehrheit der Stimmen entschieden und von jĂ€hrlich wechselnden Beamten ausgefĂŒhrt wurden. War auch die Masse der Ă€rmeren Kleinbauern und der Grundbesitzlosen (Theten), die als Leichtbewaffnete Kriegsdienst verrichteten, wenigstens mit aktivem Stimmrecht an den Abstimmungen in der Volksversammlung und im Volksgericht beteiligt, wie in Athen nach den Reformen Solons 594/93 v. Chr., so definiert man nach den Kriterien des Aristotelescite-ref-18[18] diese Verfassung als eine durch oligarchische und aristokratische Elemente „gemĂ€ĂŸigte“, „althergebrachte“ „Demokratie“. Als wichtigstes Merkmal einer wahrhaft demokratischen Ordnung galt dabei die Verlosung der meisten Ämter; wurde hingegen gewĂ€hlt, so galt dies als Indiz fĂŒr eine oligarchische Verfassung.

Aufgrund der außergewöhnlichen UmstĂ€nde der Perserkriege entwickelte sich Athen von einer Landmacht zur Seemacht, in der die Theten das Gros der Ruderer stellten und mit ihrer militĂ€rischen BewĂ€hrung in der Seeschlacht von Salamis 480 v. Chr. und den Expeditionen des 478/77 gegrĂŒndeten Delisch-Attischen Seebundes an politischem Bewusstsein soweit erstarkten, dass sich ab 462/61 mit den Reformen des Ephialtes und Perikles in Athen die gemĂ€ĂŸigte Demokratie mit der Entmachtung des Areopags und der Verleihung auch des passiven Wahlrechts an die Theten zur sog. radikalen Demokratie wandelte.

Mit Ausbruch des Peloponnesischen Krieges geriet die Welt der griechischen Polis zunehmend in eine existenzielle Krise. Das Hegemoniestreben der grĂ¶ĂŸeren Stadtstaaten hatte ein Jahrhundert fast permanenter Kriege zur Folge. Versuche auf der Basis einer koinĂ© eirĂ©ne, eines Allgemeinen Friedens, zu einer dauerhaften Friedenslösung unter Wahrung der jeweiligen Autonomie zu gelangen, scheiterten in der 1. HĂ€lfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. mehrfach. Am Ende mussten sich alle Poleis zunĂ€chst der makedonischen, dann der römischen Vorherrschaft beugen. Doch blieben die Poleis in hellenistischer und römischer Zeit mit ihren charakteristischen Institutionen weiter bestehen und konnten, freilich unter der direkten oder indirekten Kontrolle eines Königs bzw. des römischen Statthalters und spĂ€ter des Princeps, eine gewisse lokale Autonomie und Freiheit genießen. Insbesondere der frĂŒhe Hellenismus gilt in der neueren Forschung sogar geradezu als BlĂŒtezeit der Polis. Ein Indiz fĂŒr die fortbestehende Relevanz der StĂ€dte fĂŒr den Alltag ihrer BĂŒrger ist dabei der Umstand, dass es zwischen Alexander und Augustus weiterhin hĂ€ufig zu Staseis kam, also zu BĂŒrgerkriegen um die Kontrolle der Polis.cite-ref-19[19]

Das aufstrebende Christentum fand im östlichen Imperium Romanum seine ersten Missionszentren in diesen alten stÀdtischen Zentren.cite-ref-20[20] Allerdings war die Zugehörigkeit zu den wichtigsten Gremien, insbesondere dem Stadtrat, allerspÀtestens im 2. Jahrhundert n. Chr. erblich geworden, womit die alte demokratische Tradition in den Poleis definitiv an ihr Ende gelangt war.

Die Merkmale der Polis

Ähnlich wie auch Rom oder die StĂ€dte der Karthager und Etrusker verfĂŒgte jede Polis ĂŒber Volksversammlung(en), Rat und Magistraturen. Die Form der politischen Organisation, die in der 1. HĂ€lfte des 1. Jahrtausends v. Chr. typisch fĂŒr Griechenland und die von Griechen besiedelten Regionen war, weist dabei ab ca. 600 v. Chr. folgende wesentliche Ideale auf, die in vielen Poleis angestrebt wurden:

1. Politische Selbstverwaltung und Selbstregierung durch die freien mĂ€nnlichen BĂŒrger. WĂ€hrend dabei anfangs auch AnhĂ€nger einer Oligarchie offen in vielen StĂ€dten auftraten, galt ab dem Hellenismus Demokratia (zumindest in der politischen Theorie) als unverzichtbar fĂŒr eine Polis.
2. Gleichheit aller BĂŒrger vor dem Gesetz (Isonomia).
3. Das Streben nach innerer UnabhĂ€ngigkeit durch eigene Gesetze (AutonomĂ­a) und politische Institutionen. Die Ämter wurden durch Wahl oder Los vergeben, wobei nur Letzteres als wirklich demokratisch galt. Durchsetzungsorgane wie etwa eine Polizei gab es hingegen nicht, was eines der Hauptargumente jener Forscher ist, die bestreiten, dass die Polis als Staat gelten kann.
4. Das prinzipielle Streben nach Ă€ußerer UnabhĂ€ngigkeit durch Wehrhaftigkeit auf der Basis einer allgemeinen Wehrpflicht und SelbstausrĂŒstung (EleutherĂ­a = Freiheit).cite-ref-21[21]
5. Weitestgehende wirtschaftliche UnabhĂ€ngigkeit der Haushalte der einzelnen BĂŒrger (Autarkia) durch Eigentum an einer Parzelle Land (KlĂ©ros), das sich landwirtschaftlich bearbeiten ließ und mit seinen ErtrĂ€gen die Existenz der bĂ€uerlichen Familien sicherstellen sollte. Das Eigentum an Grund und Boden war prinzipiell frei verĂ€ußerlich, beleihbar und vererblich. Das unterschied das Bodenrecht der antiken und auch mittelalterlichen Stadt des Okzidents grundlegend von der Stadt des Orients. FĂŒr die antike Stadt war ferner die Einheit von stĂ€dtischem Zentrum und umliegendem Landgebiet (ChĂłra) im Gegensatz zur mittelalterlichen Stadt konstitutiv. Hier muss daran erinnert werden, dass die antiken Gesellschaften Agrargesellschaften waren, in denen mehr als zwei Drittel der Bevölkerung auf dem Lande arbeiteten. Sie produzierten fĂŒr sich selbst und fĂŒr die stĂ€dtische Bevölkerung Nahrungsmittel, aber auch Rohstoffe wie Wolle. Die bĂ€uerlichen Familien deckten aus den ErtrĂ€gen ihrer Felder und Herden vornehmlich den Eigenbedarf (Subsistenzproduktion). Das gilt auch fĂŒr den Haushalt reicher Oberschichtfamilien. MĂ€rkte hatten daher nur eine beschrĂ€nkte Funktion. Nur in grĂ¶ĂŸeren StĂ€dten, deren Einwohner keine direkte Beziehung zur Agrarproduktion hatten, war keine Selbstversorgung mehr möglich, so dass hier viele gezwungen waren, alles Lebensnotwendige auf dem Markt zu kaufen. Dementsprechend stammt der Begriff OikonomĂ­a von OĂ­kos = Haus und bedeutet ursprĂŒnglich „Hauswirtschaft“ im Unterschied zur modernen „Volkswirtschaft“. Das heutige Wirtschaftssystem ist erst im Verlauf der Industrialisierung entstanden, so dass seine Strukturen keineswegs ohne Weiteres auf die Antike projiziert werden dĂŒrfen.
6. Die Poleis verfĂŒgten ĂŒber öffentliche GebĂ€ude (z. B. RatsgebĂ€ude) und einen zentralen Versammlungsplatz (Agora).
7. Sie hatten einen spezifischen Kalender.
8. Eigene Feste und HeiligtĂŒmer; denn jede Polis war auch eine religiöse Gemeinschaft mit einer Schutzgottheit (z. B. Athena Polias fĂŒr Athen).
9. Eigene Zahlungsmittel (MĂŒnzen) sowie ein eigenes Heer und zuweilen auch eine Flotte.
10. Am politischen Willensbildungsprozess einer Polis war nur der mĂ€nnliche, erwachsene, von BĂŒrgern abstammende und zuweilen durch eine bestimmte Vermögensqualifikation amtsfĂ€hige (Ämter waren meist unbesoldete EhrenĂ€mter) Teil der Bevölkerung beteiligt.cite-ref-22[22] Frauen waren zwar, wie in der Vormoderne ĂŒblich, nicht berechtigt, an Wahlen teilzunehmen und Ämter zu bekleiden, galten allerdings in den meisten Poleis durchaus als BĂŒrger.

Die Gliederung der Polis

Bereits in der Iliascite-ref-23[23] ist das Heer nach Phylen und Phratrien geordnet. Homer spielt damit auf ein neues Gliederungsprinzip der Polis seiner Zeit (Mitte 8. Jhd. v. Chr.) an. Doch sind die AnfĂ€nge der Phylen und Phratrien sicher frĂŒher anzusetzen. UrsprĂŒnglich offenbar nur bei Ioniern und Doriern gebrĂ€uchlich wurden die Phylen seit dem 8. Jhd. v. Chr. das am weitesten verbreitete Gliederungselement der Poleis. Zahl und Namen der Phylen („StĂ€mme“) stimmen in den verschiedenen StĂ€dten der Ionier wie in Athen die vier Phylen (Geleontes, Aigikoreis, Argadeis und Hopletes) und in den StĂ€dten der Dorier wie in Sparta die drei Phylen (Hylleis, Dymanes, Pamphyloi) anfangs weitgehend ĂŒberein. Das deutet darauf hin, dass sich die Phylen bereits als Bestandteile dieser Ethnien vor deren Wanderung und Ausbreitung etabliert hatten und dann im Prozess der Polis-Entstehung zu den obersten Abteilungen der Poleis wandelten.cite-ref-24[24]

Dass die vier vorkleisthenischen Phylen Athens aus einem Zusammenschluss der Phratrien („Bruderschaften“) hervorgegangen sind, hat die neuere Forschungcite-ref-25[25] widerlegt. In der klassischen Polis gehörte der einzelne BĂŒrger den verschiedensten Korporationen an. Das wird in der Vor- und FrĂŒhphase der Poleis nicht anders gewesen sein. Regionale Bindungen traten gegenĂŒber dem Prinzip des personalen Zusammenhaltes dieser Vereinigungen frĂŒhzeitig in den Hintergrund. Phylenmitglieder („Phyleten“), die ihren Wohnsitz innerhalb Attikas wechselten, blieben Angehörige ihres alten Phylenverbandes. Die vorkleisthenischen Phylen nahmen auch keine regionalen Sonderrechte in Anspruch. Vielmehr handelten ihre Vorsteher, die sog. Phylobasileis („Phylenkönige“), nicht als ReprĂ€sentanten verschiedener Regionen Attikas, sondern ĂŒbten ihre Funktionen im Namen der ganzen Polis aus.cite-ref-26[26] Dass die Phratrien und Phylen aus verschiedenen Schichten der Freien, Adligen wie Nichtadligen, zusammengesetzt waren, beweist: Die archaische Polis war keine „Geschlechterstadt“.cite-ref-27[27]

Die erbliche Phylen-Zugehörigkeit war in der Regel die Voraussetzung fĂŒr eine Teilhabe am VollbĂŒrgerrecht. Beruhend auf einer etwa gleich großen Zahl von BĂŒrgern bzw. Schwerbewaffneten („Hopliten“) leisteten die Phylen einen wichtigen Beitrag zur politischen, militĂ€rischen, religiösen und kulturellen Selbstorganisation der Polis. Phylen und Phratrien wirkten im Prozess der Polisbildung integrativ. Die „öffentlichen“ Aufgaben, die diese PersonenverbĂ€nde im Rahmen der Organisation des Gemeinschaftslebens als „Kleingesellschaft“ der Polis ĂŒbernahmen, ergĂ€nzten die der zentralen Polisbehörden, so dass sich ein perfektionierter Verwaltungsapparat erĂŒbrigte. So bildeten die Phylen (mit der fĂŒr Athen von Aristoteles (?)cite-ref-28[28] bezeugten ursprĂŒnglichen weiteren Unterteilung in jeweils drei Trittyen= „Drittel“) und Phratrien insgesamt ein GrundgerĂŒst fĂŒr die Teilhabe der BĂŒrger am Gemeindeleben, an Verwaltung und Regierung: Sie kanalisierten deren Rechte und Pflichten, indem sie Verteilungsmechanismen fĂŒr Ämter und Funktionen bzw. fĂŒr die Teilhabe an Verwaltung und Regierung sowie fĂŒr den MilitĂ€rdienst schufen. Durch ihre Zentrierung auf die Gesamt-Polis wirkten die Phylen und Phratrien im Sinne einer Zentralisierung und verstĂ€rkten die institutionalisierte Staatlichkeit der Polis. Das gilt vor allem in Athen nach der Phylen- und Demenreform des Kleisthenes 508/507 v. Chr.: An die Stelle der vier alten, nach PersonenverbĂ€nden, d. h. gentilizisch gegliederten Phylen zu je drei Trittyen traten zehn neue lokale Phylen zu je drei lokalen Trittyen aus den drei großen Distrikten von Attika, nĂ€mlich „Stadtgebiet“, „Binnenland“ und „KĂŒstengebiete“.

Die Demen („Ortsgemeinden“) mit dem jeweiligen Wohnsitz der BĂŒrger als kleinste natĂŒrlich gewachsene Einheiten ĂŒbernahmen im Rahmen einer weitgehenden kommunalen Selbstverwaltung mit einem jĂ€hrlich gewĂ€hlten BĂŒrgermeister an der Spitze und der Gemeindeversammlung als letztem EntscheidungstrĂ€ger in allen die Gemeinde betreffenden Angelegenheiten die „öffentlichen“ Aufgaben der Phratrien: Sie verwalteten jetzt das Personenstandsregister, nĂ€mlich Geburts-, Heirats- und Sterbelisten, das Wehrregister und die Liste der VollbĂŒrger.

Das alte System von PersonenverbĂ€nden ließ Kleisthenes freilich bestehen,cite-ref-29[29] beließ ihm aber nur noch religiöse Funktionen. Ungeachtet der neuen „politischen“ Rolle der sich weitgehend selbst verwaltenden Ortsgemeinden („Demoi“) blieb aber die Mitgliedschaft in der Phratrie weiterhin die sakralrechtlich geforderte Voraussetzung fĂŒr die Aufnahme in die BĂŒrgerschaft.

Soziale Gruppen und BĂŒrgerbegriff in der Polis

Die Einwohner der Poleis waren MĂ€nner, Frauen und Kinder mit BĂŒrgerrecht, Metöken bzw. xenoi (= ortsansĂ€ssige freie Fremde ohne das lokale BĂŒrgerrecht), Periöken (= Umwohnende der Polis Sparta) und Sklaven. Als Personenverbandsstaat umfasste jede Polis nur die vollberechtigten, volljĂ€hrigen mĂ€nnlichen BĂŒrger (Politen) als Teilhaber an der „Herrschaft“. Frauen, Kinder, Metöken, vorĂŒbergehend in der Stadt als GĂ€ste/Besucher weilende AuslĂ€nder und Unfreie waren vom VollbĂŒrgerrecht und damit von jeder Beteiligung an der Selbstverwaltung ausgeschlossen. Als Kleisthenes 508/507 in Athen die zehn neuen lokalen „Phylen einrichtete und die Demokratie schuf“ (Herodot, 6,131), schloss er diejenigen formal aus den Phylen aus, denen die geforderte familiĂ€re Herkunft und/oder der dauernde Wohnsitz fehlte und die so nicht als Mitglied einer Deme registriert werden konnten. Damit beginnt die Geschichte der Personengruppe der MĂ©toikoi.

Die Metöken durften keinen Grundbesitz erwerben und mussten regelmĂ€ĂŸig, vermutlich monatlich, eine Kopfsteuer (MetoĂ­kion) bezahlen: 1 Drachme fĂŒr einen erwachsenen Mann, eine halbe Drachme fĂŒr eine unabhĂ€ngige erwachsene Frau. Wohlhabende Metöken waren zudem verpflichtet, als Hopliten MilitĂ€rdienst zu leisten. Zu Beginn des Peloponnesischen Krieges stellten die Metöken bei der Invasion in das Gebiet der Polis Megara (nach Thukydides, 2,31,2) 3.000 Hopliten. Weniger die Kopfsteuer war es, sondern vor allem der MilitĂ€rdienst, der von den Metöken als Belastung empfunden wurde. Da die meisten Metöken aufgrund der Tatsache, dass sie kein Land erwerben konnten, auf landwirtschaftliche AktivitĂ€ten verzichten mussten, waren sie vor allem im Bereich von Handwerk, Handel und Geldverleih tĂ€tig. Das klassische Athen zog als grĂ¶ĂŸte Polis der griechischen Welt die meisten Fremden an. Um 313 v. Chr. erreichte die Zahl der Metöken, die offiziell registriert waren, angeblich knapp die HĂ€lfte der gesamten VollbĂŒrger, deren Zahl freilich kurz zuvor stark geschrumpft war. Es sollen 10.000 Metöken und 21.000 Politen gewesen sein.cite-ref-30[30]

Ein Jahrhundert spĂ€ter war der Anteil der Metöken an der freien Bevölkerung vielleicht noch höher. Auch wenn der Status des Metöken am besten fĂŒr Athen bezeugt ist, war er keineswegs auf diese Polis beschrĂ€nkt. In etwa 70 StĂ€dten ist ihre Existenz wĂ€hrend der klassischen und hellenistischen Epoche, wenngleich unter verschiedenen Bezeichnungen, bezeugt. In allen griechischen StĂ€dten stellten die „BĂŒrger“ also nur einen Bruchteil der Gesamtbevölkerung einer Polis. Nicht die Gemeinschaft des Ortes, sondern die Teilhabe an der „Herrschaft“ und „Rechtsprechung“ machte den Stadtbewohner nach der literarisch bedeutsamsten Theorie des PolĂ­tes bei Aristotelescite-ref-31[31] zum „BĂŒrger“. Nur diesem war es vergönnt, ein „bĂŒrgerliches Leben“ (BĂ­os politikĂłs) zu fĂŒhren. Darunter verstand man die Lebensweise des BĂŒrgers, in der seine „Freiheit“ (EleutherĂ­a) Dasein hatte (siehe auch Achsenzeit).

Unter Berufung auf die alten Zeiten, als nur Knechte und Fremde Handwerker waren, entschied sich Aristoteles, der berĂŒhmteste Metöke Athens, dafĂŒr, dass nur der Freie (eleĂștheros) – und das heißt fĂŒr griechisches Denken: der vom Erwerb des Lebensnotwendigen freie, ĂŒber ein Haus gebietende Mann – „BĂŒrger“ genannt werden könne.cite-ref-32[32]

So ist der gemeineuropĂ€ische BĂŒrgerbegriff vom antiken Stadtstaat aus gebildet worden. Der Verbandscharakter der Polis und die Freiheit der sie autonom regierenden Politen unterschieden die okzidentale Stadt grundlegend von der außereuropĂ€ischen (orientalisch-asiatischen) Stadt. Der europĂ€ische BĂŒrgerstatus wurde von der klassisch-griechischen Philosophie (Platon, Aristoteles) auf den Begriff gebracht und blieb prĂ€gend fĂŒr die weitere Entwicklung des europĂ€ischen BĂŒrgerbegriffs im Mittelalter und der Neuzeit.cite-ref-33[33]

Frauen

Frauen hatten in der politischen Öffentlichkeit zumindest in Athen, ĂŒber das wir mit Abstand am besten informiert sind, keinen Platz. Nur Priesterinnen konnten in gewichtige Positionen gelangen. Sonst standen die Frauen ein Leben lang unter der Vormundschaft ihres Mannes oder, falls dieser nicht anwesend oder gestorben war, unter der ihres Vaters bzw. Ă€ltesten Bruders. Frauen waren nicht testierfĂ€hig und konnten sich auch ihren Ehepartner meist nicht aussuchen. Eine materielle AbhĂ€ngigkeit ergab sich daraus, dass Frauen nur sehr selten Eigentum besaßen. Schutz gegen den Mann konnte allenfalls die eigene Familie bieten. In der Polis Sparta waren die Frauen deutlich besser gestellt als in Athen, was die athenischen Autoren als anstĂ¶ĂŸig und sittenlos empfanden.

Innerhalb des Oikos, der Verwaltung des Hauswesens, und in der Erziehung der Kinder war die Frau jedoch auch in Athen relativ frei und konnte große Bedeutung und hohes Ansehen genießen. Je nach Persönlichkeit und Stand konnte sie in der Lage sein, sich einen eigenen Lebensbereich zu schaffen.

Gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. begann in Athen ein philosophischer Diskurs ĂŒber die Stellung der Frau. Platon forderte dann um 350 v. Chr. in seinem unvollendeten Alterswerk Nomoi (Die Gesetze), dass Frauen grundsĂ€tzlich gleichberechtigt sein und an der Ausbildung der JungbĂŒrger (Epheben) sowie den Symposien teilnehmen sollten.cite-ref-34[34] Mindestalter fĂŒr ein Zeugnisrecht vor Gericht und fĂŒr die Bekleidung von StaatsĂ€mtern solle bei den Frauen 40, bei MĂ€nnern 30 Jahre sein (Plat. Nom. 937 A). MĂ€nner seien vom 20. bis zum 60. Lebensjahr wehrpflichtig, Frauen von der Geburt ihres letzten Kindes bis zum 50. Lebensjahr, doch solle man sie im MilitĂ€rdienst nicht ĂŒberfordern.cite-ref-35[35]

Platons Ideen dĂŒrften keine allzu große Wirkung entfaltet haben, sind aber wohl Ausdruck dafĂŒr, dass die verbreitete Misogynie im philosophischen Diskurs etwas an Einfluss verlor – ohne dass sich die grundsĂ€tzliche Stellung der athenischen Frau verĂ€nderte. Sehr viel bedeutender ist der Umstand, dass bereits seit Perikles jeder VollbĂŒrger Athens nachweisen musste, dass beide Eltern das BĂŒrgerrecht besessen hatten; fortan wurde es wichtig, den Status der Mutter öffentlich herauszustellen.

Sklaven

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Hauptartikel

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Sklaverei im antiken Griechenland

Die unterste soziale Gruppe bildeten die Sklaven. Ein solcher wurde man meist durch Kriegsgefangenschaft oder Schuldknechtschaft. Sklaven besaßen keinerlei Rechte, denn sie gehörten zum Sacheigentum ihrer Herren, die nach Belieben ĂŒber sie verfĂŒgen konnten. In manchen Poleis waren die Sklaven fĂŒr die Wirtschaft von zentraler Bedeutung. Vielfach ermöglichten sie erst die zeitaufwĂ€ndige politische Teilhabe der VollbĂŒrger und deren Abwesenheit aus der hĂ€uslichen Wirtschaft wĂ€hrend der KriegszĂŒge. Die attischen Polis-Sklaven in den Silberbergwerken von Laurion, die unter vernichtenden Bedingungen vegetieren mussten, trugen durch ihre Arbeitsleistung wesentlich dazu bei, das Flottenbauprogramm des Themistokles 483 v. Chr. finanzieren zu helfen. Freilassungen aus dem Sklavenstand fanden Ă€ußerst selten statt. Freigelassene Sklaven stiegen in den Status eines Metöken auf. Das verstĂ€rkte den randlichen sozialen Status der Metöken in Athen.

Stadtaufbau

Die antike griechische Stadt war vor allem durch einen zentralen Platz geprÀgt, die Agora. Diese stellte den Mittelpunkt des sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens dar. Eine Stadtmauer zum Schutz der Polis war je nach Lage und Bedeutung der Stadt unterschiedlich befestigt.

Durch die Kolonisation der Griechen wurde der griechische Stadttyp nach Ägypten, an das heutige Schwarze Meer, sowie nach Sizilien, Italien und SĂŒdfrankreich getragen. Die meisten neuen Kolonien wiesen ab 450. v. Chr. einen sehr strengen rechteckigen Straßengrundriss auf. In Anlehnung an den griechischen Baumeister Hippodamos nennt man diesen Grundriss auch Hippodamisches Schema. Eine antike griechische Stadt, in der Hippodamos dieses Schema besonders angewendet hat, ist Milet.

Beispiele antiker Poleis

‱ Argos
‱ Athen
‱ Delphi
‱ Korinth
‱ Kyrene
‱ Massilia
‱ Rhodos
‱ Sikyon
‱ Sparta
‱ Syrakus
‱ Thasos
‱ Theben
‱ Milet
‱ Ephesos

Literatur

‱ Henning Börm, Nino Luraghi (Hrsg.): The Polis in the Hellenistic World. Franz Steiner, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-515-12020-3 (AufsĂ€tze fĂŒhrender Experten zur hellenistischen Polis).
‱ Victor Ehrenberg: Der Staat der Griechen. 2., erweiterte Auflage. Artemis-Verlag, ZĂŒrich u. a. 1965.
‱ Peter Funke: Polis und Asty. Einige Überlegungen zur Stadt im antiken Griechenland. In: Gerhard Fouquet, Gabriel Zeilinger (Hrsg.): Die Urbanisierung Europas von der Antike bis in die Moderne (= Kieler WerkstĂŒcke. Reihe E: BeitrĂ€ge zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Bd. 7). Lang, Frankfurt am Main u. a. 2009, ISBN 978-3-631-57881-0, S. 63–79.
‱ Mogens Herman Hansen: Polis. An introduction to the Ancient Greek City State. Oxford University Press, Oxford u. a. 2006, ISBN 0-19-920850-6 (hervorragende, knappe EinfĂŒhrung).
‱ Frank Kolb (Hrsg.): Chora und Polis (= Schriften des Historischen Kollegs. Kolloquien. Bd. 54). Oldenbourg, MĂŒnchen 2004, ISBN 978-3-486-56730-4 (Volltext als PDF).
‱ John Ma: Polis. A New History of the Ancient Greek City-State from the Early Iron Age to the End of Antiquity. Princeton University Press, Princeton 2024, ISBN 978-0-691-15538-8 (aktuelles Standardwerk).
‱ Kurt Raaflaub: Politisches Denken und Krise der Polis. Athen im Verfassungskonflikt des spĂ€ten 5. Jahrhunderts v. Chr. (= Schriften des Historischen Kollegs. VortrĂ€ge. Bd. 27). Stiftung Historisches Kolleg, MĂŒnchen 1992 (Digitalisat).
‱ Denis Roussel: Tribu et citĂ©. (Études sur les groupes sociaux dans les citĂ©s Grecques aux Ă©poques archaique et classique) (= Annales littĂ©raires de l’Universite de Franche-ComtĂ©. Bd. 193, ISSN 0523-0535 = Centre de Recherches d’Histoire Ancienne. Bd. 23). Les Belles Lettres, Paris 1976.
‱ Raphael Sealey: A History of the Greek City States ca. 700–338 B.C. University of California Press, Berkeley 1976.
‱ Kostas Vlassopoulos: Unthinking the Greek Polis. Ancient Greek History beyond Eurocentrism. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2007, ISBN 978-0-521-87744-2 (zugleich: Cambridge, University, Dissertation, 2005).
‱ Edward van der Vliet: Polis. The Problem of Statehood. In: Social Evolution & History. Bd. 4, 2005, ISSN 1681-4363, S. 120–150.
‱ Karl-Wilhelm Welwei, Peter J. Rhodes: Polis. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 10, Metzler, Stuttgart 2001, ISBN 3-476-01480-0, Sp. 22–26.
‱ Karl-Wilhelm Welwei: Die griechische Polis. Verfassung und Gesellschaft in archaischer und klassischer Zeit. 2., durchgesehene und erweiterte Auflage. Steiner, Stuttgart 1998, ISBN 3-515-07174-1.
‱ Karl-Wilhelm Welwei: Polis und ArchĂ©. Kleine Schriften zu Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen in der griechischen Welt (= Historia. Einzelschriften. Bd. 146). Steiner, Stuttgart 2000, ISBN 3-515-07759-6 (Sammlung wichtiger AufsĂ€tze von Welwei zur Polis und ihrem VerhĂ€ltnis zum Territorialstaat im Wandel der drei Epochen der griechischen Antike).
‱ Josef Wiesehöfer: Die altorientalische Stadt – Vorbild fĂŒr die griechische BĂŒrgergemeinde (Polis)? In: Gerhard Fouquet, Gabriel Zeilinger (Hrsg.): Die Urbanisierung Europas von der Antike bis in die Moderne (= Kieler WerkstĂŒcke. Reihe E: BeitrĂ€ge zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Bd. 7). Lang, Frankfurt am Main u. a. 2009, ISBN 978-3-631-57881-0, S. 43–61.

Weblinks

Wiktionary: Polis

– BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Anmerkungen

cite-note-11. ↑ Vgl. die aktuelle Zusammenfassung bei Arjan Zuiderhoek: The Ancient City. Cambridge 2017, S. 149 ff. Vgl. zur generellen Diskussion um den Staat in Antike und Altertum auch Uwe Walter: Der Begriff des Staates in der griechischen und römischen Geschichte. In: Theodora Hantos, Gustav Adolf Lehmann (Hrsg.): Althistorisches Kolloquium aus Anlass des 70. Geburtstages von Jochen Bleicken. Stuttgart 1998, S. 9–27, sowie den ForschungsĂŒberblick bei Michael Gal: Der Staat in historischer Sicht. Zum Problem der Staatlichkeit in der FrĂŒhen Neuzeit. In: Der Staat. Zeitschrift fĂŒr Staatslehre und Verfassungsgeschichte, deutsches und europĂ€isches öffentliches Recht, Band 54 (2015), S. 241–266 (Link).
cite-note-22. ↑ Aristoteles, Politik 1253a1-11.
cite-note-33. ↑ Laut Linda-Marie GĂŒnther geht die jĂŒngere Forschungsdebatte von AnfĂ€ngen der Polis im 8. Jahrhundert v. Chr. aus. (Linda-Marie GĂŒnther: Griechische Antike, TĂŒbingen 2008, S. 53)
cite-note-44. ↑ Vgl. den Überblick bei Mogens H. Hansen: Polis. Oxford 2006, S. 39–50.
cite-note-55. ↑ Vgl. Josef Wiesehöfer: Die altorientalische Stadt – Vorbild fĂŒr die griechische BĂŒrgergemeinde (Polis)? In: Gerhard Fouquet u. a. (Hrsg.), Die Urbanisierung Europas von der Antike bis in die Moderne. Frankfurt 2009, S. 43–61.
cite-note-66. ↑ Vgl. Homer, Ilias 6,88; 20,52.
cite-note-77. ↑ Thukydides 2,15,3–6.
cite-note-88. ↑ Karl-Wilhelm Welwei: Polis; in: Der Neue Pauly 10, 2001, Sp. 22.
cite-note-99. ↑ Vgl. zur Diskussion Hans-Ulrich Wiemer: Hellenistic Cities: The End of Greek Democracy? In: Hans Beck (Hg.): A Companion to Ancient Greek Government. Malden 2013, S. 54–69.
cite-note-1010. ↑ Aristoteles, Politik 7,1326a 35 bis 1326b 25.
cite-note-1111. ↑ Platon, Nomoi 5,737d bis 738a.
cite-note-1212. ↑ Vgl. etwa Richard Billows: Cities. In: Andrew Erskine (Hg.): A companion to the Hellenistic World. Oxford 2003, S. 196 ff.
cite-note-1313. ↑ Vgl. Chris Wickham: Framing the Early Middle Ages. Oxford 2005, S. 591ff.
cite-note-1414. ↑ Vgl. Hans-Joachim Gehrke: Jenseits von Athen und Sparta. MĂŒnchen 1986.
cite-note-1515. ↑ Winfried Schmitz: Verpasste Chancen. Adel und Aristokratie im archaischen und klassischen Griechenland. In: Hans Beck, Peter Scholz, Uwe Walter (Hrsg.): Die Macht der Wenigen. MĂŒnchen 2008, S. 35–70.
cite-note-1616. ↑ Inschrift aus Dreros bei R. Meiggs, D. Lewis (Hrsg.): A Selection of Greek Historical Inscriptions to the End of the Fifth Century B.C.; 19882, Nr. 2: „von der polis beschlossen“
cite-note-1717. ↑ Vgl. die „Staatselegie“ Solons
cite-note-1818. ↑ Aristoteles, Politik 2,1273b 36–1274a 4–5.
cite-note-1919. ↑ Henning Börm: Mordende MitbĂŒrger. Stasis und BĂŒrgerkrieg in griechischen Poleis des Hellenismus. Stuttgart 2019.
cite-note-2020. ↑ Peter J. Rhodes: Polis II. Als politischer Begriff. In: Der Neue Pauly 10, 2001, Sp. 25.
cite-note-2121. ↑ Die lange unbestrittene Ansicht der Ă€lteren Forschung, Ă€ußere UnabhĂ€ngigkeit sei ein konstitutives Kennzeichen der griechischen Polis, wird seit einigen Jahren vermehrt bezweifelt: Vgl. Mogens H. Hansen: The „Autonomous City-State“. Ancient Fact or Modern Fiction? In: Papers from the Copenhagen Polis Centre 2, 1995, S. 21–43.
cite-note-2222. ↑ Dazu auch Peter J. Rhodes: Polis II. Als politischer Begriff. In: Der Neue Pauly 10, 2001, Sp. 23.
cite-note-2323. ↑ Homer, Ilias 2,362 f. und 9,63
cite-note-2424. ↑ Bernhard Smarczyk: Phyle. In: Der Neue Pauly 9, 2000, Sp. 983, gegen Denis Roussel: Tribu et citĂ©. Paris 1976.
cite-note-2525. ↑ Denis Roussel: Tribu et citĂ©. Paris 1976, S. 193 ff.
cite-note-2626. ↑ Karl-Wilhelm Welwei: Die griechische Polis, S. 56.
cite-note-2727. ↑ Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 766 ff. Weber charakterisierte in einer vergleichenden Typologie der StĂ€dte die antike Adelspolis.
cite-note-2828. ↑ Ps.-Aristoteles, Athenaion politeia frg. 3.
cite-note-2929. ↑ Ps.-Aristoteles, Athenaion politeia 21,6.
cite-note-3030. ↑ Athenaios, Deipnosophistai 272 c.
cite-note-3131. ↑ Aristoteles, Politik 3,1275a 3,7 ff.
cite-note-3232. ↑ Aristoteles, Politik 3,1277a 21 ff.
cite-note-3333. ↑ Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, S. 741 ff.
cite-note-3434. ↑ Platon, Nomoi 781 A ff.
cite-note-3535. ↑ Platon, Nomoi 785 B.